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Fragen an Jon Flemming Olsen

Wie kommt man auf die Idee eine Reise durch Deutschlands Imbissbuden zu starten und daraus ein Buch zu machen?

Da kommen einige Dinge zusammen. Schon als Kind haben mich diese Orte fasziniert. Ich bin ziemlich behütet aufgewachsen, da hatte ein Imbiss auch immer etwas von Halbwelt für mich – der Geruch von Frittenfett, der blinkende Daddelautomat in der Ecke und die bartstoppeligen Männer, die sich am Flaschenbier festhalten. Deshalb habe ich vor ein paar Jahren auch nicht lange gezögert, als Olli Dittrich mir die Rolle des Imbisswirts Ingo anbot. Hinterm Tresen habe ich mich dann von Anfang an sehr wohl gefühlt, aber irgendwo unter der Oberfläche blieb auch immer das Gefühl, dass ich gern vertrauter wäre mit der echten Imbissarbeit. Und etwas Schreiben wollte ich auch schon seit längerem. Als ich Ende vorletzten Jahres mit einem Freund beim Essen zusammen saß, fiel die Idee dann quasi auf den Tisch.

Sie haben per TV-Auftritt um Vorschläge für Imbissbuden im ganzen Land gebeten. Wie war der Rücklauf und wie haben Sie ausgewählt?

Der Rücklauf war überwältigend. Innerhalb kurzer Zeit hatte ich über 350 Tipps zusammen. Natürlich waren die von unterschiedlicher Qualität. Von „bei mir gegenüber gibt’s die besten Pommes, da musst Du einfach hin!“ bis zu ausführlichsten Elaboraten war alles dabei. Ich habe jeden Hinweis akribisch katalogisiert und bei allen, die mir spontan interessant erschienen, nochmal nachgebohrt oder im Internet weiter recherchiert. Bilder von den Läden haben natürlich auch eine große Rolle gespielt. Aber entscheidend war der Hinweis selbst: Konnte man dort schon ein Stückchen interessante Imbissgeschichte herauslesen? Gab es eine Andeutung auf den besonderen Lebensweg eines Wirtes? Solche Dinge haben mich neugierig gemacht.

Haben Sie die Tour an einem Stück so abgefahren?

Ja und nein. Klar war von Anfang an, dass es unbedingt eine große Reise werden musste. Ich wollte keine Stippvisiten machen, sondern wirklich eintauchen in das Thema. Die im Buch beschriebene Route gegen den Uhrzeigersinn bin ich auch exakt gefahren – mit dem einzigen Unterschied, dass ich sicherheitshalber in vier Bundesländern noch einen zweiten Imbiss auf dem Zettel hatte. Dort habe ich erst nach meinen Arbeitstagen entschieden, welcher Kandidat ins Buch kommt. Es war einfach zu riskant, alles auf eine Karte zu setzen.

Wie haben die Imbisswirte auf Ihre Idee reagiert?

Die, bei denen ich war, natürlich positiv! Am Telefon waren einige sehr überrascht, bei manchen war es nur nicht ganz einfach, ihnen klar zu machen, dass dies kein Telefonstreich ist. Andere wiederum kannten mich und die WDR-Sendung gar nicht. Da musste ich erstmal Erklärungsarbeit leisten. Absagen gab es nur sehr wenige, ich glaube, es waren genau drei.

Haben Ihre Erfahrungen vor Ort Ihre Rolle als Ingo in „Dittsche – Das wirklich wahre Leben“ verändert oder beeinflusst?

Mit Sicherheit. Wobei das für den Zuschauer wahrscheinlich unsichtbar bleiben wird. Denn, dass ich jetzt weiß, dass es mindestens vier verschiedene Techniken eine Currywurst zu schneiden gibt, ist für die Rolle nicht entscheidend. Aber wie man sich fühlt als Imbisswirt – das war wichtig für mich. Davon habe ich etwas mitgenommen. Ich habe diese Menschen ja sehr genau beobachtet und bin ihnen zuweilen sehr nahe gekommen. Auch wenn ich es nicht genau benennen kann: Da ist etwas im feinstofflichen Bereich, das fließt in die Rolle mit ein.

Was haben Sie auf der Reise über die Menschen und das Land, in dem sie leben gelernt? Hat es Ihre Sicht auf die Dinge verändert?

Ich kannte vorher erschreckend wenig von Deutschland, das ist jetzt auf jeden Fall anders. Ich hatte zum Beispiel keine Ahnung, wie schön die Vulkaneifel ist. Von den neuen Bundesländern kannte ich fast nichts. Wie überdeutlich das West-Ost-Gefälle immer noch ist, hat mich erschüttert. Die Leipziger Innenstadt zum Beispiel ist ein Schmuckkästchen, aber schon ein paar Kilometer weiter sieht man, wie viel „alte DDR“ wirklich noch vorhanden ist. Und wie viel Armut. Die Enttäuschung über die Entwicklung der letzten 20 Jahre stand den Menschen im Osten oft geradezu ins Gesicht geschrieben.

Wie ist die Lage der Nation aus dem Blickwinkel hinter und vor dem Imbiss-Tresen?

Nicht so rosig, zumindest auf den ersten Blick. Die Angst vor Arbeitslosigkeit ist überall Thema Nummer Eins gewesen – vom Saarland bis nach Mecklenburg. Von Politik erwartet sich da kaum einer etwas. Die Arbeit in den Imbissen ist hart, oft bringt sie den Wirtinnen und Wirten gerade mal das Lebensnotwendigste ein. Und gegen Ende des Monats kommen immer weniger Kunden. Und wenn, dann oft nur noch mit zusammen geklaubtem Kleingeld in der Hand. Aber diese Menschen sind zäh und machen weiter. Oft auch mit Freude, die scheint irgendwie unkaputtbar zu sein.

Würden Sie es noch einmal machen?

Ich habe sehr viel von dieser Reise mitgenommen – neben den Erlebnissen mit den Menschen vor Ort war das Ganze ja auch so etwas wie eine Ein-Mann-Selbsterfahrungsgruppe. Einen Monat lang war ich zwar ständig unter Leuten, dabei aber doch immer allein. Das war nicht leicht für mich. Und gleichzeitig war es eine Lektion in Demut: Heute empfinde ich noch mehr Dankbarkeit dafür, dass ich überhaupt in der Situation war, mich so lange und so intensiv mit solch einem „Luxusprojekt“ wie einem Buch beschäftigen zu können. Aber ob ich eine solche Reise noch mal machen würde? Genau die gleiche bestimmt nicht – eine andere auf jeden Fall.

Gibt es noch Kontakt zu den Menschen, die Sie besucht haben? Und was sind das für Menschen? Gibt es den klassischen Imbiss-Wirt aus Überzeugung?

Es können Einem nicht alle Menschen gleichmäßig ans Herz wachsen, denen man auf so einer Reise begegnet. Umgekehrt gilt das natürlich genauso. Aber bei ungefähr zwei Drittel der Buden würde ich – wann immer ich in der Nähe bin – auf jeden Fall spontan wieder reinschauen. Und wäre mir sicher, dass die Freude auf beiden Seiten groß wäre. Meine Münchener Station war zum Beispiel wegen Querelen um den Mietvertrag akut von Schließung bedroht. Da habe ich nach meiner Rückkehr gleich angerufen und war sehr froh zu erfahren, dass bei denen alles gut gegangen ist. Die Wirte und Wirtinnen auf meiner Reise waren – Gott sei Dank – sehr unterschiedliche Menschen. Aber fast alle von ihnen würde ich als „Überzeugungstäter“ bezeichnen. Ich glaube, in dieser Arbeit steckt auch immer etwas von „praktizierter Nächstenliebe“: Versorgen, da sein, ansprechbar sein … (schmunzelt) eigentlich fast so wie der „Ingo“.

Was erwartet den Leser Ihres Buches?

Das, was auch mich erwartet hat: Eine große Reise mit ungewissem Ausgang. Als ich losfuhr, war ich auf der Suche nach den Orten. Die wollte ich entdecken, die Buden in denen das gute, alte Imbissherz noch schlägt. Gefunden habe ich die Menschen und ihre Geschichten. Und die haben meine Reise in eine emotionale Achterbahnfahrt verwandelt: Es war spannend, urkomisch, manchmal auch deprimierend, aber immer anrührend. Der Fritten-Humboldt ist ein großes, buntes, prallgefülltes Bilderbuch. Ohne Bilder.

Wie sind Sie eigentlich auf den ungewöhnlichen Titel „Der Fritten-Humboldt“ gekommen? Bei Imbissbuden denkt man nicht wirklich automatisch an den großen deutschen Naturforscher Alexander von Humboldt, oder?

Das war während eines Telefon-Interviews mit einem Wochenmagazin im letzten Frühjahr. Ich hatte gerade „Die Vermessung der Welt“ gelesen und war anscheinend noch ganz erfüllt von Kehlmanns Beschreibungen der Humboldtschen Abenteuer. Auf die Frage nach dem Inhalt meines Buchvorhabens, antwortete ich spontan, dass ich als eine Art „Fritten-Humboldt“ durchs Land reisen würde. Am anderen Ende der Leitung sorgte dieser Ausdruck nicht nur für große Heiterkeit. Die Journalistin verstand offenbar auch sofort, worauf es mir ankam. Ich war selbst überrascht. In solchen Momenten sagt man sich: Das war gut, behalt das mal! Es gab dann im Lauf der Arbeit an dem Buch noch viele weitere Namenskandidaten, aber der Humboldt hat sie immer wieder blass aussehen lassen. Ich glaube, das Schöne an dieser aberwitzigen Wortschöpfung ist, dass sie trifft, worum es im Buch und bei meiner Reise wirklich geht: Um das Entdecken des Besonderen im Alltäglichen und damit - tatsächlich - um das „wirklich wahre Leben“.

Was essen Sie in der Imbissbude am liebsten?

Bratwurst. Für eine gute Wurst lasse ich fast alles andere stehen.