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Siebte Station:
Imbiss Adolf Müller, St.Wendel, Saarland

Was mache ich hier eigentlich? Seit zwei Stunden stehe ich neben einem mannshohen Kühlschrank, schaue alle fünf Minuten auf die Normaluhr an der Wand und erbringe ansonsten keine Leistung. Ich bin ein Zinnsoldat. Meine Uniform ist eine weiße Kochjacke mit schwarzen Knöpfen. Nein, das stimmt nicht: Ich bin ein Nichts, noch nicht einmal Dekoration. Drei Meter von mir entfernt warten links und rechts an den beiden Verkaufsfenstern Schlangen von Imbisskunden. Der Laden brummt – doch ich bin zur Untätigkeit verdammt. Wenn ich gerade nicht zur Uhr sehe, betrachte ich die vier weißen Rücken vor mir. Sie bilden eine Art menschliche Fertigungsstraße für Imbisswaren. Sie besteht aus Marie, Frau Müller senior, Helga und Herrn Josef Müller – dem Chef der Truppe. Die Kette kennt keine Lücke, ihre Glieder sind perfekt aufeinander abgestimmt. Marie, stark bebrillt und leicht verschrumpelt, steht am linken Verkaufsfenster. Sie ist seit Jahrzehnten auf diesem Posten, und auch am Ende des Tages werde ich keine einzige ihrer Äußerungen verstehen können. Neben ihr, in der Burgerzubereitung, wirkt akribisch Frau Müller senior, die Mutter des Chefs. Die Arbeit sei ihr Leben, sagt sie, und es klingt fast wie: Also versuch ja nicht, sie mir wegzunehmen. Auf der rechten Seite, vorwiegend mit Pommes und Schnitzel beschäftigt, steht Helga. Sie hat den Körperbau und das Gemüt einer Kegelrobbe. Mit ihren elf Jahren Betriebszugehörigkeit ist sie das Küken unter den Weissrücken. Und ganz rechts außen, am Wurstgrill und dem zweiten Verkaufsfenster, er: Josef Müller, Sohn des Firmengründers Adolf. Die Damen haben weiße Kittelschürzen um, Herr Müller ist, wie ich, mit einer weißen Kochjacke bekleidet. Gesichtsform und Körpermitte weisen ihn als guten Esser aus. Er trägt Schnauzer und hat das lichter werdende Haupthaar mittels Frisiercreme akkurat nach hinten gekämmt.